Leidenschaft und Forschung – Die archäologische Sammlung Hohenzollern im Landesmuseum Württemberg

Schaut man sich Landkarten aus Südwestdeutschland an, die zwischen 1850 und 1952 entstanden, fällt auf, dass ein Gebilde – grob gesagt in der Form einer Banane -zwischen Württemberg und Baden liegt. Dabei handelt es sich um Hohenzollern oder genauer um die Hohenzollerischen Lande. Die Hohenzollerischen Lande waren seit 1850 preußischer Regierungssitz. 1947 gingen sie im neuen Bundesland Württemberg-Hohenzollern auf – bis 1952 das Land Baden-Württemberg entstand und Hohenzollern aus dem Namen verschwand.

Das Bananengebilde sorgte einst für eine Art Schwarzes Loch zwischen Baden und Württemberg, das unter anderem für die Archäologie relevant war. Hier lag nämlich ein wahrer Schatz: die archäologische Sammlung Hohenzollern. Sie zählte und zählt zu den bedeutenden privaten Archäologiesammlungen Süddeutschlands. 2021 konnte das Landesmuseum Württemberg mit Unterstützung der Museumsstiftung Baden-Württemberg und der Kulturstiftung der Länder diese archäologische Sammlung ankaufen. Seit den 1980er Jahren war sie nicht mehr öffentlich zu sehen, doch seit dem Sommer 2025 und noch bis zum 1. Februar 2026 wird sie im Landesmuseum Württemberg im Alten Schloss Stuttgart präsentiert. Die Lücke zwischen Baden und Württemberg ist damit in archäologischer Hinsicht geschlossen.

Karte Baden und Hohenzollern sowie Württemberg aus dem Jahr 1892. Quelle: Brockhaus Konversations-Lexikon, Bd. 2, Leipzig 1892, zw. S. 258 und 259, via Wikipedia, gemeinfrei
Karte Baden und Hohenzollern sowie Wuerttemberg aus dem Jahr 1892

Ein Fürstenpaar auf den Spuren früher Kulturen

Neben bedeutenden archäologischen Schätzen wird in der Ausstellung der Blick auf Persönlichkeiten gelenkt, die die Sammlung maßgeblich prägten und Wissenschaftsgeschichte schrieben. An erster Stelle stehen Fürst Karl Anton von Hohenzollern Sigmaringen (1811 – 1885) und seine Frau Josephine, eine geborene Prinzessin von Baden (1813 – 1900), die die Sammlung ins Leben riefen. Karl Anton, der im Zuge der Revolution von 1848/49 die Regentschaft an Preußen abgetreten hatte, war ein gebildeter und begeisterter Kunst- und Büchersammler sowie ein kompetenter Hobby-Archäologe. Diese Leidenschaft teilte Fürstin Josephine, die wesentlichen Anteil am Zustandekommen der archäologischen Sammlung hatte und die Ausgrabungen, die auf dem Gebiet Hohenzollern-Sigmaringen stattfanden, unterstützte.

Archäologie in Hohenzollern-Sigmaringen - Informationstafel aus der Ausstellung des Landesmuseum Württemberg
Archäologie in Hohenzollern-Sigmaringen

Die Grabungsfunde vor Ort waren, wie man im Landesmuseum sehen kann, durchaus bemerkenswert. In den früheisenzeitlichen Gräbern etwa wurden je nach Geschlecht und sozialem Stand der bestatteten Personen Schmuckstücke und Waffen, vorzugsweise aus Bronze gearbeitet, ergraben. Aber es wurden auch Stücke auf anderem Weg hinzugewonnen. So versorgten Kaufleute interessierte Fürstenhöfe mit steinzeitlichen Dolchen aus Feuerstein, die aus Dänemark stammten. 70 Steingeräte aus dem Norden zählt die Sammlung aus Sigmaringen. Es handelte sich um Win-win-Geschäfte, denn die Kaufleute durften sich im Gegenzug mit begehrten Auszeichnungen wie fürstlichen Hausorden schmücken.

Nicht nur Funde aus grauer Vorzeit, sondern auch aus späteren Epochen waren für das Fürstenpaar von Interesse. So umfasst die Sammlung rund 2500 Jahre alte antike Vasen aus Süditalien, genauer aus Apulien. Von den über 100 Stücken werden bestens erhaltene Vasen mit farbigen Abbildungen gezeigt. Zudem wird deutlich, dass Fürst und Fürstin das Interesse für solche Kunstwerke mit weiteren Familienmitgliedern teilten. So lebte Karl Antons Mutter Antoinette Murat einige Zeit am Hof ihres Onkels in Neapel. Dessen Gattin Caroline, eine Schwester Napoleons I., hatte ebenfalls Ausgrabungen veranlasst, antike Vasen wie die in der Ausstellung gezeigten, könnten Karl Anton also von Kindesbeinen an vertraut gewesen sein.

Apulische Vasen aus Ton, 4. Jahrhundert v. Chr.
Apulische Vasen aus Ton, 4. Jahrhundert v. Chr.

Leidenschaft für die heimische Archäologie

Der Erzieher des Fürsten, Baron Karl von Mayenfisch (1803 – 1877), hat sicher ebenfalls schon früh die Begeisterung seines Zöglings für Kunst und archäologische Funde geprägt. Karl Anton berief ihn später zum Verwalter seiner Sammlungen. Das Augenmerk des Barons lag weisungsgemäß auf der Beschaffung von Stücken aus Hohenzollern, die teils auf dem Kunstmarkt zu finden waren, teils bei Ausgrabungen im eigenen Land, die er veranlasste. Da Hohenzollern einst zum Römischen Reich gehörte, interessierten ihn vor allem die Funde aus römischer Zeit, was der fürstlichen Sammlung mehr als 500 Objekte aus damaligen Gutshöfen und Gräbern bescherte und ihn zum „Pionier der Provinzialrömischen Archäologie“ machte.

Der aus Haid bei Trochtelfingen stammende Johannes Dorn (1853 – 1925) war schon als Junge mit Grabungen in Kontakt gekommen. Bei seinem Heimatdorf ließ Graf Wilhelm von Württemberg, der Erbauer von Schloss Lichtenstein, Ausgrabungen vornehmen, bei der Dorns Vater Helfer war. Als er 24 Jahre alt ist, wird der junge Dorn erstmals ebenfalls als Grabungshelfer erwähnt, später unternahm der Landwirt und Besitzer von mietbaren Dampfdreschmaschinen, der durch diese weit herumkam, selbstständig Grabungen und verkaufte die Funde etwa an die württembergische Staatssammlung vaterländischer Altertumsdenkmale.
Im Dezember 1902 stieß Dorn im hohenzollerischen Gammertingen auf einen Fund, der ihn weithin bekannt machte. In einem Reihengräberfeld, in dem bereits seit 1884 immer wieder Funde gemacht worden waren, entdeckte er ein Fürstengrab aus dem 5. Jahrhundert. In geringer Entfernung legte er die Gräber eines Mädchens und einer Frau frei, die beide von hohem Stand waren. Vermutlich waren alle drei Personen miteinander verwandt. In der reichen Ausstattung des Fürstengrabs befand sich unter anderem ein vergoldeter Spangenhelm, den Dorn wie andere Funde aus der Gammertinger Grabung an das Sigmaringer Fürstenhaus verkaufte und der heute als „national wertvolles Kulturgut“ gilt.

Ebenfalls auf dem Gräberfeld von Gammertingen war Wilhelm Friedrich Laur (1858 – 1934) tätig. Der Architekt war als erster Landeskonservator in den Hohenzollerischen Landen für die Erfassung und Aufsicht über die Baudenkmäler zuständig. Er betrieb den Aufbau der Hohenzollerischen Landessammlung und die Einrichtung eines entsprechenden Museums. Erstere wurde ab 1920 auf der Burg Hohenzollern ausgestellte, seit den 1970er Jahren wird sie im Alten Schloss in Hechingen gezeigt.

Folienkreuz, Gold, verziert, 7. Jh. | Einteiliges Kreuz mit dem Abdruck eines bärtigen Männergesichts in der Mitte sowie geprägten Tierstilverzierungen an den Kreuzarmen | Fundort: Gammertingen, Grab 21/1904 | Herkunft/Rechte: Landesmuseum Württemberg, Hendrik Zwietasch (CC BY-SA 4.0)
Folienkreuz, Gold, verziert, 7. Jh. | Einteiliges Kreuz mit dem Abdruck eines bärtigen Männergesichts in der Mitte sowie geprägten Tierstilverzierungen an den Kreuzarmen | Fundort: Gammertingen, Grab 21/1904
Scheibenfibel, 7. Jh. | Mit Perldraht verzierte Scheibenfibel mit Mittelbuckel. In dem von einer Buckelreihe umsäumten Mittebuckel waren ursprünglich wohl Almandine eingesetzt, wie auch in die vier kleinen, kreuzförmig am äußeren Rand angeordneten Buckel. Die Schauseite aus Gold ist außerdem mit Filigrandrahtauflagen geschmückt. | Fundort: Gammertingen | Herkunft/Rechte: Landesmuseum Württemberg, Hendrik Zwietasch (CC BY-SA 4.0)
Scheibenfibel, 7. Jh. | Mit Perldraht verzierte Scheibenfibel mit Mittelbuckel. In dem von einer Buckelreihe umsäumten Mittebuckel waren ursprünglich wohl Almandine eingesetzt, wie auch in die vier kleinen, kreuzförmig am äußeren Rand angeordneten Buckel. Die Schauseite aus Gold ist außerdem mit Filigrandrahtauflagen geschmückt. | Fundort: Gammertingen
aren im 7. Jahrhundert Bestandteil der Frauentracht und wurden an der linken Körperseite herabhängend, am Gürtel getragen. Solche Gürtelgehänge konnten Werkzeuge, wie Messer oder Kämme, umfassen, aber auch Amulette. Diese Zierscheibe zeigt im Zentrum einen knieenden bärtigen Dämon, der von sieben Tierköpfen umrandet wird. | Fundort: Gammertingen | Landesmuseum Württemberg
Zierscheibe mit Dämonendarstellung, Bronze, 7. Jh. | Zierscheiben waren im 7. Jahrhundert Bestandteil der Frauentracht und wurden an der linken Körperseite herabhängend, am Gürtel getragen. Solche Gürtelgehänge konnten Werkzeuge, wie Messer oder Kämme, umfassen, aber auch Amulette. Diese Zierscheibe zeigt im Zentrum einen knieenden bärtigen Dämon, der von sieben Tierköpfen umrandet wird. | Fundort: Gammertingen

Hohenzollern-Archäologie schreibt Wissenschaftsgeschichte

Im Sigmaringer Fürstenhaus setzte Fürste Leopold, der Sohn Karl Antons und Josephines, das Werk seiner Eltern fort, es kam erst nach ihm zum Erliegen. Trotzdem wurden weitere Entdeckungen in der archäologisch so reichen Gegend der (ehemaligen) Hohenzollerischen Lande gemacht, die für die frühe Siedlungsgeschichte von großer Bedeutung sind.

Die Sammlertätigkeit des Hauses Hohenzollern-Sigmaringen war für die im 19. Jahrhundert sich herauskristallisierenden Entdeckung der heimischen Vorgeschichte ein wichtiger Meilenstein. In der letzten Abteilung der Ausstellung „Leidenschaft und Forschung. Die archäologische Sammlung Hohenzollern“ im Landesmuseum Württemberg wird der Bezug zur Wissenschaftsgeschichte der damaligen Zeit in internationalem und regionalem Zusammenhang hergestellt. Die Ausstellung im Landesmuseum Württemberg macht dies ebenso deutlich wie die Relevanz der „Banane“ für die Geschichte des Landes Baden-Württemberg.

Folgerichtig erklärte Prof. Dr. Frank Druffner, kommissarischer Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder: „Die Sammlung Hohenzollern, die mit Förderung der Kulturstiftung der Länder vom Landesmuseum Württemberg erworben werden konnte, ist weit mehr als ein bedeutendes Konvolut archäologischer Funde – sie ist auch Zeugnis der Wissenschaftsgeschichte und des fürstlichen Sammelns im 19. Jahrhundert. Dass sie nun in diesem Zusammenhang einer breiten Öffentlichkeit präsentiert wird, freut mich besonders, denn hier zeigt sich beispielhaft, wie im Museum Kulturgeschichte am Objekt lebendig wird.“1

Eine Wissenschaft entsteht | Schautafeln in der Ausstellung des Landesmuseum Württemberg
Eine Wissenschaft entsteht

Text

Andrea Hahn | Text & Presse

1 Aus der Pressemeldung des Landesmuseum Württemberg zur Eröffnung der Studioausstellung

Service

Landesmuseum Württemberg
Altes Schloss
Schillerplatz 6
70173 Stuttgart

Die Studioausstellung ist noch bis 1. Februar zu sehen.

Öffnungszeiten
Dienstag – Sonntag | 11 – 17 Uhr
Montag | geschlossen, außer an Feiertagen
Die Ausstellung ist kostenfrei.